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« 12. Dezember »

Ein kleiner Streit

„Du hast den Jungen gehört“, sagt der Stern mit einem tiefen Seufzer. „Weihnachten ist ihm sowas von egal.“

Sein Licht wird immer schwächer. Vielleicht liegt es daran, dass die Morgendämmerung den Himmel aufhellt. Vielleicht hat er aber auch keine Kraft mehr zu scheinen.

„Krah, ich habe schon Sachen gesehen, die glaubst du nicht“, krächzt der Vogel. „Und deswegen weiß ich: Ayanda lügt?. Weihnachten ist ihm nicht egal.“

„Ist es doch“, sagt der Stern heftig.

„Isses nich“, krächzt der Vogel.

„Doch.“

„Gar nicht.“

„Wohl.“

„Krah!“ Der Vogel ist beim Streiten so nah an den Stern herangeflogen, dass er sich die Flügelspitze versengt hat. Ausgerechnet die linke, schiefe Flügelspitze! Er kühlt sie im Meer.

„Es ist ja auch kein Wunder“, sagt der Stern, als der Vogel wieder auftaucht. „Wenn ich ein Kind wäre und kein Zuhause hätte und keinen Platz zum Schlafen … Dann wäre mir auch egal, ob da vor 2000 Jahren irgendwo ein Baby in einer Futterkrippe geschlafen hat.“

„Krah! Ist aber nicht egal“, krächzt der Vogel und zieht dabei ärgerlich die verkohlten Flügel-Federn durch seinen Schnabel. „Denn ohne dieses Kind vor 2000 Jahren wäre die Begegnung der Jungen mit dem Wachmann völlig anders abgelaufen!“

„Versteh ich nicht“, wundert sich der Stern. „Was hat der Wachmann mit dem Jesuskind zu tun?“

„Wirst du noch verstehen“, grummelt der Vogel. „Komm mit. Jetzt fliegen wir mal über ein richtig großes Meer!“

lügt

Lügen ist, wenn man etwas sagt, das nicht stimmt. Ayanda sagt: „Weihnachten ist mir egal!“ Und der Vogel sagt: „Ayanda lügt!“ Denn der Vogel meint, Weihnachten ist für Ayanda gar nicht egal. Aber warum lügt der Junge? – Kannst du dir vorstellen, warum Ayanda lügt?
Ich stelle mir das so vor: Ayanda ist traurig. Denn er denkt an Weihnachten, als er noch Zuhause bei seiner Familie war. Er denkt an seine Eltern, an seine Schwester, die so schön gesungen hat. Aber so ein Weihnachten kann er nicht haben. Und das tut ihm weh. Diese schöne Erinnerung tut weh und Ayanda weiß: Wenn ich jetzt an Weihnachten denke, dann werde ich traurig.
Und traurig sein, das tut noch mehr weh. Darum möchte Ayanda überhaupt nicht mehr an Weihnachten denken. Aber, was mir wichtig ist, daran muss ich immer denken. Also sagt er: „Weihnachten ist mir nicht wichtig. Weihnachten ist mir egal.“ Wenn er das sagt, dann muss er vielleicht nicht traurig sein.

Lügen soll man nicht, das weiß ich und das weißt du auch. Aber manchmal, da lügt man, um sich selbst zu beschützen.
Was meinst du: Ist Lügen auch dann falsch, wenn man nur lügt, weil man sich vor dem traurig sein beschützen will?

Überleg doch mal: Was wäre, wenn Ayanda zu seinem Freund gesagt hätte: „Weihnachten macht mich immer traurig. Dann muss ich an meine Schwester denken und an unser Braai damals Zuhause.“ Wäre es schlimmer für Ayanda gewesen, wenn er nicht gelogen hätte?

Ich denke: Nein. Denn dann hätte Tebogo ihm erzählt, was er an Weihnachten vermisst und sie hätten sich beide zusammen überlegen können, wie sie an Weihnachten Spaß haben können auch ohne Familie und ohne Braai.

Aber manchmal fehlt uns einfach der Mut, das zu erzählen, was uns weh tut. Und dann ist es eben einfacher zu lügen. – Schade.