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« 14. Dezember »

Zahltag

Am Nachmittag spielt Fernanda mit ihren Schwestern Volleyball. Hätte sie neue Sportschuhe, könnte sie viel besser springen und hechten! Die alten sind viel zu klein.

Zum Abendessen gibt es Huhn mit Kartoffeln. Mama und Fernandas drei Schwestern sind da. Aber Papa nicht.

„Es ist Zahltag?“, sagt Mama und guckt ganz bissig. Fernanda weiß genau, was sie meint. Immer, wenn ihr Vater seinen Lohn bekommt, geht er abends in die Kneipe und trinkt so viel, dass ein großer Teil des Geldes wieder futsch ist. Mama wird dann so sauer, dass sie das Schlafzimmer der Familie zusperrt. Dann kann Papa nicht ins Bett.

Mitten in der Nacht wacht Fernanda auf, weil sie mal muss. Sie schließt die Tür des Schlafzimmers auf und verschwindet im Bad. Als sie herauskommt, sieht sie jemandem im Dunkeln am Küchentisch sitzen.

„Papa?“, flüstert sie.

„Hallo, mein Goldstern“, sagt Papa und lächelt traurig. Er riecht ein bisschen eklig nach Schnaps und Zigaretten. Sonst merkt Fernanda ihm nicht an, dass er getrunken hat.

„Ich bin müde, Goldstern“, sagt er. „Lässt du mich ins Schlafzimmer? Ich will ins Bett!“

„Mama erlaubt es nicht“, antwortet Fernanda.

„Bitte“, sagt Papa und sieht ganz traurig aus.

Fernanda wird wütend. Egal was sie tut, sie wird Ärger bekommen: entweder mit Mama oder mit Papa. Das ist so ungerecht?!

„Wenn ich dich reinlasse“, sagt sie schließlich zu Papa. „Dann musst du mir zu Weihnachten Sportschuhe schenken. Versprich es mir!“

Zahltag

Fernandas Vater arbeitet in einer Firma, die den Lohn an die Arbeiter und Arbeiterinnen direkt auszahlt. Sie können sich am Ende eines Monats oder am Ende der Arbeitswoche im Büro das ganze verdiente Geld in einem Umschlag abholen. Vielleicht bekommst du dein Taschengeld für eine Woche oder einen Monat von deinen Eltern auch so ausgezahlt – also: ohne Umschlag vielleicht so direkt in die Hand. Dann hast du viel Geld auf einmal in der Hand, so wie Fernandas Vater auch. Und dann wird es für manche Menschen schwierig.

Ich kenne das auch. In nenne das: Mein Schokoladenproblem. Wenn ich eine Tafel Schokolade bekomme, dann überlege ich mir: Jetzt ess‘ ich ein Stückchen und dann heute Abend noch ein Stückchen. Dann Morgen wieder zwei Stückchen. So reicht die Tafel Schokolade eine ganze Weile.

Manchmal aber passiert es mir, dass ich die ganze Tafel Schokolade aufgefuttert habe, bevor ich noch zuende nachgedacht habe!

So geht es oft eben auch Menschen, die fast immer zu wenig Geld haben, wenn sie plötzlich viele Geldscheine in die Hand bekommen. So wie Fernandas Vater am Zahltag. Den ganzen Monat muss er sparsam sein. Und dann bekommt er das Geld für einen Monat Arbeit auf einmal in die Hand. Jetzt möchte er sich auch einmal belohnen. Aber statt sich „zur Feier des Tages“ nur ein Bier zu gönnen, trinkt er, bis das Geld alle ist. – So wie ich mit der Tafel Schokolade. Bei der Schokolade ist das nicht schlimm. Davon werde ich nur dick. Aber wenn Fernandas Papa das Geld für einen ganzen Monat an einem Tag ausgibt, dann hat die Familie für viele Tage nicht genug Geld, um Essen zu kaufen. Darum ist die Mutter auch so sauer auf Fernandas Vater.

ungerecht

Fernandas Mutter ist sauer auf ihren Mann, denn der hat das Geld für den ganzen Monat ausgegeben. Wahrscheinlich denkt Fernandas Mutter: „Wenn Dir die Familie so egal ist, dass du unser ganzes Geld für einen Monat ausgibst, dann gehörst du gar nicht mehr zur Familie. Schlaf doch, wo du willst – aber nicht hier!“ Kann man ja irgendwie verstehen.

Aber für Fernandas Papa ist das anders. Er hat einfach nur seine Familie vergessen, als er das viele Geld in der Hand hatte. Das tut ihm hinterher leid, denn er hat seine Familie ja wirklich lieb. Und er will ja auch nicht, dass seine Familie nichts zu Essen hat. Und er weiß, dass das blöd war, dass er das ganze Geld verschleudert hat. Aber wie soll es denn besser werden, wenn er nicht nachhause kommen darf? Kann man ja irgendwie auch verstehen.

Und die arme Fernanda sitzt nun voll dazwischen. Mama sagt: „Papa darf nicht rein“ und Papa sagt: „Lass mich rein.“ Egal, was Fernanda tut, immer ist einer ihrer Eltern sauer. Das ist ungerecht! Weil Fernanda nichts mit dem Streit ihrer Eltern zu tun hat.

Ungerecht behandelt zu werden macht schlechte Gefühle. Vielleicht kennst du das: Eines deiner Geschwister hat etwas Verbotenes getan und es fällt deinen Eltern nicht auf. Sie denken, du hast es getan und bestrafen dich, aber nicht deinen Bruder oder deine Schwester. Das ist auch ungerecht.

Wie kann sich Fernanda gegen Ungerechtigkeit wehren? Ich denke, das geht nur mit ganz viel Mut. Denn Fernanda muss zu beiden Eltern „Nein“ sagen. Sie muss sagen: „Nein! Ihr müsst Euer Problem miteinander lösen. Es ist nicht mein Problem. Ihr müsst Frieden miteinander schließen. Ich muss das nicht für euch tun!“ – Aber es ist sehr schwer für ein Kind, sich zu wehren, wenn Erwachsene ungerecht zu ihm sind.

Vielleicht ist es besser für das Kind, erstmal gar nichts zu tun und zu warten. Ein paar Tage. Und wenn dann der Streit verflogen ist, kann Fernanda mit Vater und Mutter reden und ihnen erklären: „Das war schlimm für mich, als ich bei dem Streit zwischen euch eingeklemmt war. Das war ungerecht. Bitte, macht so etwas nicht wieder.“ Denn wenn die Wut verraucht ist, dann können die Eltern leichter zuhören und verstehen vielleicht besser, wie schlimm es ist, ihr Kind ungerecht zu behandeln.