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« 20. Dezember »

Trösten

Kumars Finger blutet. Vor Schreck fängt er an zu weinen. Er ruft nach Mama, aber die hört ihn nicht. Kumar guckt nach oben und fühlt sich so allein wie der erste Stern am Abendhimmel.

Traurig blickt er auf die Sterne, die er für Weihnachten ausgeschnitten hat. Weihnachten. Das ist doch das Fest von Jesus. Der ist genau wie Gott, das weiß Kumar aus der Schule. Aber er wollte auch ganz nah bei den Menschen sein, ihnen helfen und sie trösten? . Den könnte Kumar jetzt brauchen!

Wie schon oft denkt Kumar an den Traum, den er einmal hatte. Da hat ihm Jesus in die Wange gekniffen, genau wie sein Papa es früher gemacht hat. Das bedeutet: Ich hab dich lieb. Daran denkt Kumar jetzt. Das hat schon lange niemand mehr bei ihm gemacht.

„Kumar?“, fragt eine Stimme. Es ist seine Amatschi, seine Oma. Sie kniet sich ächzend neben ihn und drückt ihn ganz fest. Kumar wird fast zerquetscht von Omas Armen und ihr goldener Sari nimmt ihm die Sicht. Da fällt ihm erst gar nicht auf, dass da noch etwas Goldenes an Omas Sari ist: eine Brosche, die aussieht wie ein Stern.

„Amatschi!“, stöhnt Kumar. „Du erdrückst mich.“

Oma lässt ihn los und sagt: „Ich habe etwas für dich. Das kannst du für deine Papiersterne benutzen.“ Und sie gibt ihm einen Stern, der golden und weich in seiner Hand liegt.

„Ist der schön!“, meint Kumar.

Oma lächelt, kneift ihm in die Wange und geht ins Haus.

Kumar wischt die Tränen ab und leckt das Blut von seinem Finger. War das nun seine Amatschi?
Hmm.

trösten

Sich allein fühlen ist richtig blöd. Das tut weh. Das ist ein Schmerz tief drinnen im Bauch oder im Kopf oder in der Brust. Halt irgendwo da. Manchmal kann man das nicht so genau sagen. Und darum ist das so blöd: Man kann nicht auf die Stelle zeigen, die einem weh tut. Man kann kein Pflaster drauf kleben. Oder einen nassen Waschlappen zum Kühlen, so wie bei einer Beule, wenn man sich gestoßen hat.

Gegen Traurigkeit, schlechte Laune und allein sein würde ein Pflaster ja auch gar nicht helfen. Aber du weißt natürlich, was da hilft, oder? Das einzige, was hilft, ist, dass jemand kommt und dir zeigt, dass du nicht allein bist. Das ist trösten: ein Pflaster für den Seelenschmerz tief in mir drin.

Das Problem ist nur: Es sieht ja keiner, wenn es drinnen in einem Menschen weh tut. Darum ist es wichtig, dass ich aufpasse und darauf achte, was mein Freund oder meine Freundin gerade tut. Sitzt er mit schlechter Laune in der Ecke? Oder weint sie und schmeißt ihr Spielzeug wütend weg? Dann tut ihm oder ihr vielleicht gerade etwas innen drin weh und dann kann ich hingehen, in den Arm nehmen, einen Witz machen oder ein Kaugummi schenken … trösten eben, damit die Seele nicht mehr so doll schmerzt.